Tag 57 – Was war das?

Daggie hat wieder eingeladen.
Essen, trinken, lachen: Der Abend der guten Eigenschaften!

Knapp zwanzig Menschen haben sich um den Tisch in einem kleinen Kunstcafé versammelt. Jeder hat Zettel und einen Stift dabei.
Jemand steht auf und stellt sich vor. Währenddessen oder direkt nach der Vorstellung schreiben die anderen auf, was ihnen beim ersten Eindruck positiv aufgefallen ist.
Wertschätzung.
Daggie sammelt die Zettel ein und überreicht sie alle zusammen der Person mit den Worten „Schön, dass es dich gibt.“
Dann wird der nächste gewählt.
An vierter Stelle bin ich an der Reihe.
Auch ich erhalte einen Stapel verschiedener Zettel. Direkt danach kommt schon das Essen.
Obwohl ich wahnsinnig neugierig bin, schiebe ich die Zettel unter meinen Teller und warte bis alle sich vorgestellt haben.
Nach und nach merke ich wie es anstrengender wird, etwas positives bei jedem Einzelnen zu finden.
Ich wollte es ja so.

Der Grund warum ich überhaupt dort hingehen wollte:
Wo ich auch bin, es gibt fast immer mindestens eine Person, die mir in den ersten zwanzig Minuten auf die Nerven geht. Auf Geburtstagen, in der Familie, bei der Arbeit, in der Bahn, einfach überall.
Also habe ich die Herausforderung darin gesehen, jedem anwesenden Fremden etwas Positives mitzuteilen.

Das über mich Geschriebene auf meinen siebzehn unterschiedlich großen, bunten Zetteln erfreut, amüsiert und verwundert mich.
Manchen ging es wohl ähnlich wie mir, wie ich hinterher in Gesprächen erfahre.
Auch mit mir.
Das ist ok.

Ich habe mich noch ein wenig unterhalten – über erste Eindrücke, Fotografie, Kunst und Vandalismus, Pistazieneis, subtile Beleidigungen und ansteckende Fröhlichkeit, sowie Blickwinkel – etwas länger die Kunst an den Wänden angesehen, ein halbes Glas Chardonnay getrunken.
Dann wollte ich weg.
Nach Hause.
Raus aus dem Sumpf.
Plötzlich fühlte sich alles und jeder irgendwie klebrig an.
Schwer.
Als ich mich verabschiedet habe, wurde es leichter.

Jetzt liege ich im Bett und frage mich was war das?

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6 Gedanken zu „Tag 57 – Was war das?

  1. … eine außerordentliche Erfahrung, schätze ich mal.
    Schade, es lassen sich nicht alle Notizen lesen. Aber die, welche sich entziffern lassen, sind allemal interessant. Nicht nur in der direkten Aussage, sondern auch, wenn man die für erwähnenswert gehaltenen Punkte mit dem graphologischen Bild der Schriftzüge (also gewissermaßen mit der vermuteten(!) Persönlichlichkeit der sich Dir zuwendenden Personen) vergleicht. Wirklich außerordentlich. 🙂

  2. Oh… das klingt interessant!
    Gibst du mir ein Beispiel für eine vermutete Persönlichkeit und den Vergleich zu den für diese Person erwähnenswerten Punkte?

  3. … das ist schwierig, wenn man sich nicht vor versammelter Leserschaft blamieren will (schließlich bestehen die Schriftproben nur aus wenigen Wörtern, können also gar nicht repräsentativ sein)…
    Aber was sagst Du selbst zu einem Zettelchen, kaum größer als eine Briefmarke, also recht klein (was sicherlich den Umständen geschuldet ist), auf dem mit einer „zurückgenommenen” Handschrift das Attribut ‚großzügig’notiert ist?

  4. …ehrlich gesagt, habe ich mich selbst darüber gewundert. Als ich mich vorgestellt habe, habe ich nichts erwähnt, das meiner Meinung nach auf ein solches Attribut schließen lässt.
    Bis heute habe ich nicht über eine mögliche Verbindung zwischen Handschriften und Persönlichkeiten nachgedacht. Es macht mich aber nun neugierig.
    Meine Handschrift variiert – ist das ein Anzeichen einer gespaltenen Persönlichkeit oder der inneren Zerrissenheit?

  5. Innere Zerrissenheit an variabler Handschrift ablesen?! Nein, überhaupt nicht! Eher das Gegenteil. Also etwa so: wer extrovertiert ist und sich mit ausschweifenden Gefühlen ins Leben stürzt, wird viel eher auch eine ausschweifende Schreibweise praktizieren als eine eine enge, gedrängte Strichführung… 😉

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